Geschlecht, Körper und Subjekt als soziale Konstruktionen

body„Warum sollten unser Körper an der Haut enden oder bestenfalls andere von Haut umschlossene Wesen enthalten?“, fragte die feministische Wissenschaftstheoretikerin und Biologin Donna Haraway zu Beginn der 1990er Jahre. Sie befeuerte damit provokant eine Körper-Debatte, die für die feministische Wissenschaft(en) und für die Frauenbewegung(en) schon immer zentral gewesen ist. Auf der einen Seite hält der Kampf um das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper an, und es wird über die Erfahrungen von Krankheit, Lust, Gebären, Abtreibung, Gewalt und Tod diskutiert, so z.B. von der feministischen Historikerin Barbara Duden. Auf der anderen Seite stehen die Begriffe ‚Körper‘, ‚Natur‘, ‚Sex‘ grundsätzlich in der Kritik. Die Philosophin Judith Butler spitzt die Debatte mit der These zu, dass unser Verständnis des biologischen Geschlechts (engl. sex) – ähnlich wie das soziale Geschlecht (engl. gender) sozial konstruiert sei, und es keinen Rückgriff auf einen vordiskursiven, ‚natürlichen‘ Körper gäbe. Butler erläutert in diesem Zusammenhang die Logik einer gewaltvollen Heterosexuellen Matrix, welche alle gesellschaftlichen Beziehungen durchdringt. Nach dieser gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen biologischem Geschlecht (Sex), sozialem Geschlecht (Gender) und dem (normativ heterosexuell gesetzten) Begehren (Desire). Das sich daraus entwickelnde Geschlechtermodell manifestiert die Norm der Zweigeschlechtlichkeit. Dass aber auch dieses Zweigeschlechtermodell das Ergebnis einer sozialen Aushandlung ist, beweist Thomas Laqueur in seinem Buch „Auf den Leib geschrieben“ (1996). Die zentrale These seines Werks lautet, dass die abendländische Kultur bis ins 18. Jahrhundert von einem Ein-Geschlecht-Modell (one-sex-model) geprägt war. ‚Körper‘ erscheinen unter dieser Perspektive mehr denn je als kulturell überformt; ihre Einteilung in ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ als zufällig und zurichtend. Donna Haraways körperpolitische Perspektive bricht schließlich nicht nur die Dichotomie ‚Mann‘/‘Frau‘ auf, sie hinterfragt auch die Grenzziehungen zwischen ‚Menschen‘ und ‚Maschinen‘ sowie ‚Menschen‘ und ‚Tieren‘.

Beitrag von Franziska Rauchut.

Literaturhinweise:

Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt am Main.

Duden, Barbara (1987): Geschichte unter der Haut. Stuttgart.

Laqueur, Thomas (1996): Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. München.

Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt am Main.

Villa, Paula-Irene (2000): Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. Wiesbaden.

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